Seit einiger Zeit gehört es auf St. Pauli zum guten Ton, Großveranstaltungen voll Scheiße zu finden. Allen voran natürlich den Schlagermove. Zugegeben gehört das „Festival der Liebe“ nicht zu den besten Ereignissen des Jahres im Viertel. Schlimmer sind eigentlich nur noch die Harley Days. Trotzdem ärgert es mich, wie man mittlerweile mit den Besuchern der „falschen“ Veranstaltungen umgeht.
Schlagermove-verdächtige Personen werden beispielsweise in einigen Kneipen und Bars abseits der Reeperbahn nicht bedient. Dabei ist es völlig egal, wie sie sich verhalten. Sie können freundlich sein, nüchtern sein, schüchtern sein – ein Captain-Morgan-Cowboyhut auf dem Kopf ist Grund genug, um ignoriert zu werden. Das geschieht so demonstrativ und so lange, bis die Verachteten beschämt davon schleichen. Ja, beschämt. Also, bitte. Wo leben wir denn?
Die Große Freiheit von St. Pauli kann sich inzwischen anfühlen, wie ungeschminkt eine Douglas-Filiale zu betreten. Nur sind die Regeln nicht so eindeutig. Woher soll ein Ortsfremder denn ahnen, welche Events „gut“ und welche „schlecht“ sind? Es ist jedenfalls diffiziler als Orwells Parolen auf der Farm der Tiere.
Beim Fußball etwa muss man wissen, dass Glasgow-Fans supercool sind; egal, was sie tun. Wohingegen WM-Fans schon mal rein aus Prinzip gar nicht klargehen. Warum? Darum! Mit Gentrifizierung hat es jedenfalls nicht immer was zu tun. So geht meine Nachbarin Rita – seit fast 80 Jahren St. Paulianerin und über jeden Gentrifizierungsverdacht erhaben – ganz gern zum (oh Gott) Schlagermove. Doch war sie noch nie beim (und alle so: Yeah)-Reeperbahn-Festival.
Für die tumbe Masse, die es einfach nicht schnallen will, stellen Gastronomen seit Neuestem Verhaltens-Aufsteller vor der Tür. Fuck WM steht da oder Fuck Schlagermove und eben auch Fuck Blue Port.
Ist das jetzt vermessen? Intolerant? Oder einfach nur pubertär? Am besten hält mans mit Karlsson vom Dach (stört keinen großen Geist) und macht sich selbst ein Bild.
Wäre ich vergangenen Donnerstag zum ersten Mal in Hamburg gewesen, hätte ich die Stadt für bemerkenswert gehalten. An den Tagen vor den Cruise-Days war die Abendstimmung speziell. Keine Bierstände. Keine Rumm-ta-ta. Einfach nur Menschen, die sich still über den Blue Port freuen. Ich wüsste echt nicht, was dagegen einzuwenden wäre.